Hilfe, wo ist mein Strohhalm?


Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht über Corona und dessen Auswirkungen hören, lesen oder selbst diskutieren. Mir kommt es so vor: Je länger der Lockdown dauert, desto genervter und auch ängstlicher werden die Leute.

Da gibt es Angst vor Ansteckung, Angst vor der Impfung, Angst vor der Zukunft, Angst dass die Wirtschaft kaputt geht, Angst vor dem finanziellen Ruin…


Letztens habe ich an einem Zoom-Meeting teilgenommen. Eine lockere Unterhaltung unter Freunden. Natürlich kamen wir auf die Umstände zu sprechen, die diese Situation mit sich bringt. Und als über Ängste geredet wurde, kamen gleich die unterschiedlichsten Reaktionen: „Stimmt. Aber es geht doch allen so. Es gibt sogar noch Leute, denen geht es noch viel schlimmer. Also ich habe das gestern erst gehört, dass einer…Dem geht´s wirklich schlecht." Oder „Also vor der Impfung brauchst Du nun wirklich keine Angst zu haben…" oder: „Ich weiß nicht warum Du dich jetzt aufregst. Was ist denn daran so schlimm einen Mundschutz zu tragen und mal zu Hause zu bleiben. Muss man denn ständig feiern?" Oder: „Dir geht´s doch wirklich noch gut. Das ist schon jammern auf hohem Niveau. Unsere Eltern, die haben viel schlimmeres durchmachen müssen und haben es auch überlebt.“


Ja, mag sein. Aber, anderen geht es noch schlimmer, hilft mir nicht weiter. Ich leide trotzdem.

Also schaue ich mal ins Internet. Da gibt es jede Menge gute Ratschläge wie man jetzt mit der Einsamkeit, der Langeweile, den Zweifeln, der Angst am besten umgeht und wie man seine (Frei)- Zeit sinnvoll gestaltet: Sport zu Hause betreibt, Aufräumaktionen angeht, Weiterbildung, Meditation, endlich das tut, was man immer schon tun wollte, jetzt andere unterstützen…

Nur, ich habe keine Lust dazu.

Ich weiß, dass ich mich jetzt mal an meine Buchführung machen sollte, dass ich mir jetzt den Keller mal vornehmen könnte, dass ich nicht stundenlang vor der Glotze sitzen sollte… Trotzdem tue ich es. Weil ich mich nicht aufraffen kann.


Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden

Bekomme ich eine Depression? An manchen Tagen im Lockdown ist mir nichts recht. Nicht fernsehen, nicht lesen, nicht schlafen, nicht spazieren gehen, nicht nichts tun. Es geht mir einfach nicht gut. Alles nervt. Meine Unzufriedenheit und schlechte Laune lasse ich an meinem Partner aus. Was wenn das immer so weitergeht? Von einem Lockdown zum nächsten. Mit Abstand halten, Misstrauen und Unsicherheit vor der Zukunft?


Ich will keine Depression bekommen. Ich will, dass endlich alles aufhört, dass es wieder so ist wie früher.: Freunde treffen, essen gehen, in Urlaub fahren und nur dann zu Hause rumsitzen und nichts tun, wenn ich es will und nicht, weil ich dazu verdonnert werde.


Meine Freundin erzählte mir mal, dass sie immer ein schlechtes Gewissen hat, wenn sie Pausen macht; sich einfach mal hinsetzt und nichts tut. Sie glaubt, dass die anderen dann denke, sie wäre faul. „Jetzt", sage ich, „brauchst du wenigstens kein schlechtes Gewissen zu haben. Du darfst so lange rumsitzen wie du willst. Keiner wird dich schief ansehen. Weil es dir ja sozusagen verordnet worden ist." Das ist fast so wie im Lotto zu gewinnen. Da sagen die Leute auch wenn man sie fragt, was sie im Falle eines Millionengewinns machen würden: „Zuerst mal gebe ich meinen Beruf auf und mache gar nichts mehr." Na, das haben wir ja schon. Und? Fühlt sich das gut an?


Wenn ich daran denke, was so alles passiert in Beziehungen und Familien im Lockdown. Die sind es doch gar nicht gewohnt so lange aufeinander zu hocken. Jetzt werden sie voll auf sich zurückgeworfen, müssen sich messen lassen an dem was sie zuvor kreiert haben. Na, wie klappt es denn mit der Kommunikation? Fehlen uns die Worte oder haben wir zu viel davon und gehen einander auf die Nerven? Können wir den anderen so nehmen wie er ist oder müssen wir ihm ständig sagen, wie er zu sein hat? Vielleicht fällt uns erst jetzt auf, dass wir gar nicht zusammenpassen?


Oder leiden wir unter dem Alleinsein? Keiner da zum Streiten, zum Lieben, zur eigenen Bedürfnisbefriedigung?


Gibt es eine Lösung?

Ich habe viele Vorträge gehört in der letzten Zeit. Über die Veränderungen, die auf uns warten. Über den Eintritt in die neue Luftepoche. Darüber, dass wir uns wandeln vom

"Ich zuerst und immer mehr" zur "Co-Creation". Das "Wir" gewinnt.

Ich denke, wenn wir uns wirklich in diese Richtung verwandeln sollen, dann braucht es einen Zusammenbruch. Erst dann werden wir nämlich bereit sein, etwas anders zu machen. Weil wir gemerkt haben, dass die alte Welt nicht mehr funktioniert. Wir schwammen auf der Welle höher, weiter, mehr. Alles muss zu jeder Zeit verfügbar sein. Schließlich wird hart gearbeitet, da darf man sich ja wohl was gönnen. Der andere wird zur eigenen Bedürfnisbefriedigung degradiert. Die Selbstverwirklichung steht an 1. Stelle. Erst komm ich und dann kommst Du.

Und dann kommt ein kleines Virus und lehrt uns die wahren Werte: Zusammensein, Liebe, Natur, wohlfühlen…

Dann dürfen wir uns fragen: „Was sind meine wahren Werte? Meine Talente und Fähigkeiten, die ich sinnvoll in diese Welt geben kann, zu Wohle aller? Was würde ich gern für andere tun um mich wieder zu spüren?


Gestern habe ich ein kleines Video gesehen, in dem mein kleiner, 10 Monate alter Enkel, sich darüber kaputtgelacht hat, wie sein Papa Hula Hoop versucht hat. Dieses Lachen war so toll, dass alle die es hörten auch lachen mussten und sich das Video immer wieder angesehen haben.

Und mir wurde wieder einmal klar, wie einfach es sein kann glücklich zu sein und andere glücklich zu machen.


Viele von uns sind in letzter Zeit unsicher wie es weitergehen wird. Und ich glaube wir haben wenig Einfluss auf das Große Ganze. Was kommt, kommt. Unser Einfluss besteht darin, wie wir mit den Gegebenheiten umgehen. Und das heißt für mich: Lass die Dinge kommen, nicht ängstlich sondern in beobachtender Erwartung.

Aber wenn´s mich mal umhaut, es mir schlecht geht, ich nicht mehr weiterweiß, dann werde ich nicht versuchen, alles klein zu reden oder als nicht so schlimm anzusehen. Ich werde auch nicht versuchen mich abzulenken. Dann werde ich das aushalten und da durchgehen. Und- nach dem Strohhalm Ausschau halten. Der Strohhalm, nach dem ich greifen und an dem ich mich festhalten kann. Der mir hilft nicht unterzugehen.

In diesem Sinne alles Gute

Eure Elke

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